
Vorbemerkung:
Dieser Artikel wurde 2005 in der Hebammenzeitschrift, Heft Nr. 3 unter dem Titel: „Teil der emotionalen Matrix“ veröffentlicht.
Vom Anfang des Lebens geht eine besondere Faszination aus. Er wird umrankt von Mythen und Ritualen. Sie zeugen von einem tief verwurzelten Bewusstsein, dass Schwangerschaft, Geburt und Säuglingszeit eine äußerst sensible Periode im Leben eines Menschen sind. Dabei geht es primär um Sein oder Nicht-Sein: um die Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens einerseits und die manchmal angstvolle Hingabe an Umstände und Kräfte, auf die wir nur begrenzt Einfluss nehmen können. Das Wissen darum ist tief in uns anwesend und wird in existenziellen Lebensphasen, wie Schwangerschaft, Geburt und Tod, deutlich spürbar; auch wenn die durchaus imponierenden Entwicklungen der technologischen Medizin uns manchmal glauben machen, alles sei ‚unter Kontrolle’.
Starke Gefühle
Mit Schwangerschaft, Geburt und Säuglingszeit sind viele starke persönliche Gefühle verbunden: Gefühle von Glück, Hoffnung und Liebe, aber auch Gefühle von Angst, Unsicherheit und vielleicht sogar Ablehnung. Sie bewegen die Mutter und den Vater in ähnlicher, aber auch unterschiedlicher Weise. Auch Menschen, die beruflich damit zu tun haben, können sich diesen Gefühlen nicht ganz verschließen. Bewusst und unbewusst spüren sie die starke Wirkung, die der Fötus, das Neugeborene oder der Säugling auf die Eltern hat. Emotionen sind daher Teil des Arbeitsalltags der Hebamme.
Ein Kind zu bekommen ist nichts Alltägliches. Der Körper aber auch die Psyche der Schwangeren - und übrigens auch ihres Partners(!) - stellen sich auf manchmal sehr radikale Weise auf die neue Realität ein. Das betrifft äußere Anpassungen, wie beispielsweise die Entscheidung zu heiraten, in eine andere Wohnung zu ziehen oder die Arbeits- und Finanzsituation zu überdenken. Innerlich geht es für viele nicht weniger dramatisch zu. Für manche ist die Entdeckung, schwanger zu sein, mit großer Freude verbunden. Andere haben mit schmerzhaften Konflikten zu tun: Passt das Kind in meine Lebensplanung? Was sagt der Partner dazu? Kann ich auf ihn bauen? Will ich ihn eigentlich so nah in meinem Leben haben? Bin ich in der Lage, Mutter zu sein? Und schließlich: Will ich das Kind behalten?
Auch für die Frau, die sich das Kind gewünscht hat und sich darauf freut, kann die Schwangerschaft in emotionaler Hinsicht zeitweise durchaus schwierig sein. Da kommen auf einmal Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse hoch, die sie vorher nicht kannte. Stimmungsschwankungen zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt", übermäßige Sorgen um das Wohlbefinden des Babys oder Angst vor der Geburt drängen sich auf. Oft entstehen starke Wünsche nach Nähe und Versorgung - als bräuchte die junge Mutter eine Mutter für sich selbst. Das kann mit schmerzhaften Erinnerungen an den emotionalen Mangel in der eigenen Kindheit einhergehen. Es scheint so zu sein, dass die Schwangerschaft den Zugang zu manchen Aspekten der sonst sorgfältig verborgenen inneren Gefühlswelt öffnet. Für manche Frauen ist das ein Geschenk, für Andere eine Quelle großer Angst, die so viel wie möglich vermieden werden muss: Alkohol-, Zigaretten- und anderer Drogenkonsum kann daher die Funktion haben, so wenig wie möglich zu fühlen und so zu versuchen, das innere Gleichgewicht zu retten.
Dazu kommt, dass die Schwangerschaft auch den Vater nicht kalt lässt. Er fühlt die Veränderungen in seiner Partnerin, in der Beziehungsgestaltung der beiden und auch in sich selbst und versteht intuitiv, dass es nicht möglich ist, sich dem zu entziehen. Manche Väter werden daraufhin sorgsamer, weicher und kümmern sich verstärkt um die emotionale, aber auch finanzielle Sicherheit der Familie. Andere reagieren auf den starken „weiblichen Sog“ mit Angst: Sie wenden sich von der Partnerin ab und der Außenwelt zu. Das wiederum kann zu Beziehungskonflikten führen, die das emotionale Gleichgewicht der Schwangeren zusätzlich belasten.
Die Schwangerschaft kann in emotionaler Hinsicht eine bewegte Zeit sein. Die Anwesenheit des ungeborenen Kindes verändert die hormonelle Regulation der Schwangeren und wirkt tief greifend auf ihre Psyche ein. Nicht jede Frau kann diese Veränderungen in sich zulassen. Wie oben schon erwähnt, können sie zu inneren Konflikten und Gefühlen von Angst und Niedergeschlagenheit führen. Das emotionale Gleichgewicht der Schwangeren kann dadurch ins Wanken geraten und mit psychischen aber auch somatischen Krankheiten einhergehen.
Die (Ver-) Bindung zwischen der Mutter und dem Fötus konfrontiert die Schwangere mit Gefühlszuständen, die thematisch in gewisser Weise dem existenziellen Zustand des Fötus ähneln: Sie äußern sich in Ängsten und Abhängigkeitsgefühlen, aber auch in dem Wunsch nach oder der Fähigkeit zu Wärme und Geborgenheit. Dieses emotionale Band hat wahrscheinlich gute Gründe: Es bereitet die Mutter auf ihre nachgeburtliche Aufgabe vor: Auf eine Art symbiotische Beziehung, in der sie ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten des Kindes für eine kleine Weile zurückzustellen bereit ist. Gerade in unserer hektischen Zeit mit großen Ansprüchen an die Frau, die gleichzeitig eine gute Mutter, anziehende Partnerin und am liebsten auch noch eine erfolgreiche und eigenständige Berufstätige sein soll, ist dies eine große emotionale Herausforderung. Sie erfordert Unterstützung in jeder Hinsicht.
Wenn die Hebamme mit einer Schwangeren und ihrem Partner zu tun bekommt, wird sie Teil dieser emotionalen Matrix. Mal mehr, mal weniger nehmen Hebammen zeitweise am Gefühlsleben der Eltern teil. Darin nehmen sie eine besondere Rolle ein: Sie werden zur ersten Anlaufstelle für Probleme körperlicher, aber auch psychischer Art. Sie sollen zuhören, verstehen und helfen. Durch ihre Expertise sollen sie das Angstniveau der Eltern regulieren. Sie sind Halt in unsicheren Zeiten. Manchen Eltern muss die Hebamme helfen, überhaupt Kontakt mit ihrem Kind aufzunehmen. Ihnen ist ein natürliches Gefühl für ihren Körper und seine Veränderungen abhanden gekommen. Nicht selten bekommt die Hebamme dabei die Rolle einer verständnisvollen, weisen und erfahrenen „Mutter“ oder eines starken, schützenden und tatkräftigen “Vaters“.
Genau dies kann die tiefe Befriedigung ausmachen, die viele Menschen spüren, die in diesem Beruf arbeiten. Andererseits kann dadurch aber auch Druck und Stress erzeugt werden, die das persönliche Leben über Gebühr belasten: Die beinahe ständige Beschäftigung mit existenziellen Fragen, die sich letztlich immer um Themen wie „Leben und Tod“ drehen, unregelmäßige Arbeitszeiten, Zeitdruck, große menschliche Nähe zu den schwangeren Frauen, ihren Partnern und den Neugeborenen sowie Versagensängste und Schuldgefühle angesichts der Verantwortung, die zu tragen ist, können die emotionalen Ressourcen der Hebamme erschöpfen. Um dem vorzubeugen, ist ein bewusster Umgang mit der eigenen Gefühlswelt nötig.
Empathie meint die Fähigkeit, sich in die Gefühls-, Gedanken- und Handlungswelt anderer Menschen einzufühlen. Diese Fähigkeit ist neben der fachlichen Qualifikation für alle Berufe, die mit Menschen zu tun haben, von großer Wichtigkeit. Wenn man sich in andere Menschen einfühlen kann, dann kann man professionell notwendige Strategien leichter und mit größerer Genauigkeit auf den individuellen Fall einstellen. Man nimmt zum Beispiel intuitiv wahr, in welchem Zustand sich die Schwangere befindet und kann Wege zur “Zusammen-Arbeit“ finden. Ein empathisches Verhältnis zwischen der Hebamme und der Schwangeren fördert auch das Gefühl der Sicherheit und Entspannung, was sich wiederum positiv auf den Geburtsprozess auswirken dürfte. Ganz abgesehen davon führt eine empathische Arbeitshaltung wahrscheinlich zu mehr professioneller Befriedigung und ist damit eine wichtige Voraussetzung zur Prävention von Burn-out-Symptomen. Deutlich ist, dass zu wenig Empathie in der Geburtshilfe Beziehungen schafft, die störanfällig sind, weil sie kühl und technisiert sind und dadurch verunsichernd wirken.
Zu viel Empathie führt auf der anderen Seite zu emotionalen Verwicklungen, die die klare Einschätzung von Situationen behindern. Wenn die Hebamme zu viel Mitgefühl hat, verwischt sich der gesunde Abstand zwischen ihr und der Schwangeren. Sie ist nicht mehr in der Lage zwischen sich selbst und dem Anderen zu unterscheiden: Die Angst der Schwangeren wird dann beispielsweise gefühlsmäßig zu ihrer eigenen Angst. Und in schwierigen Situationen, in denen ein „kühler Kopf“ gefragt ist, der reflektieren kann, ist Angst nicht selten ein schlechter Ratgeber.
Zu viel Mitgefühl kann auch bedeuten, dass die Hebamme als Person die Neigung hat, sich an die Wünsche und Bedürfnisse der Schwangeren und ihres Partners anzupassen, auch wenn dies eigentlich über ihre persönliche Grenze geht. Sie identifiziert sich dann zu sehr mit dem Anderen. Das Nein-Sagen fällt ihr dann sehr schwer. Wo unempathische Personen sich hart und scheinbar unnahbar machen, ist diese Hebamme zu weich und belastet sich auch in ihrem persönlichen Alltag über Gebühr mit den Problemen ihrer KlientInnen.
Es ist jedenfalls ein Irrglaube zu denken, dass Empathie dasselbe ist wie „nur für den Anderen da sein“ und „sich den Wünschen und Bedürfnissen des Anderen anpassen“. Eine gesunde Form der Empathie, die nicht nur für die schwangeren Eltern und ihr Kind, aber vor allem für die Hebamme selbst professionell angemessen, heilsam und bereichernd ist, findet ein Gleichgewicht zwischen eigenen Bedürfnissen und denen der Anderen. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt der Schwangeren einzufühlen, stellt gleichzeitig jedoch auch eine professionelle Distanz her, die es erlaubt, frei auf der Grundlage beruflicher Kenntnisse zu handeln.
Ein gesundes Mitgefühl für Andere beginnt bei der Empathie für sich selbst! Das gilt nicht nur für das persönliche Leben, das gilt auch für den Berufsalltag. Gefühle haben nämlich auch da einen Platz, es wäre schade, wenn man sie vor Betreten des Arbeitsplatzes „an den Nagel hängen“ würde. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist ein positiver Zugang zur eigenen Gefühlswelt. Das könnte bedeuten, dass die Hebamme sich erlaubt, sich ihrer Gefühle und Wahrnehmungen gegenüber den KlientInnen, KollegInnen, der jeweiligen Situation und sich selbst gegenüber bewusst zu sein und sie als wichtige Anhaltspunkte für die Gestaltung ihrer Tätigkeit ansieht.
Meistens geschieht das ohne viel Nachdenken. Erst wenn Probleme auftreten, wird man gezwungen sich damit explizit auseinander zu setzen. Dann kann es wichtig sein, einmal in sich hinein zu horchen: Kann ich meine Arbeit auf menschlich warme, offene Art ohne große Anstrengung machen? Wo erlebe ich mein Mitgefühl für die KlientInnen als befriedigend und bereichernd, wo gehe ich über meine Grenzen? In welchen Situationen mache ich mich hart und unnahbar, in welchen werde ich zu weich und belaste mich mit den Problemen der Anderen? Wodurch werden Versagensängste und Schuldgefühle in mir angeregt?
Eine innere Bestandsaufnahme kann zu weiteren Fragen führen, die mehr mit persönlichen Denk- und Erlebnismustern zu tun haben: Was halte ich als Hebamme persönlich für meine Aufgabe? Was sind meine beruflichen Ideale? Wie gehe ich mit Fehlern um? Kann ich mir und meinen Schwächen verzeihen? Darf ich warme Gefühle für meine KlientInnen entwickeln? Kann ich mich gegen ihre Wünsche durchsetzen?
Sich mit seinen Potenzialen, aber auch mit Ängsten und Belastungen ernst zu nehmen, kann ein wichtiger Schritt sein, Überforderungsgefühlen die Stirn zu bieten. Nachdenken und -fühlen darüber, wie man emotionale Nähe und Distanz regelt, den Kontakt mit den KlientInnen (beispielsweise der Schwangeren, dem Vater oder dem Baby) in positiver Weise gestaltet, sowie existenzielle Ereignisse im Berufsalltag verarbeitet, kann zu Entspannung beitragen und die eigenen emotionalen Ressourcen kräftigen. Es hilft, die Befriedigung mit der eigenen Tätigkeit (wieder) zu finden oder sie immer mehr auszubauen.
Last but not least erleichtert der Kontakt mit der eigenen Gefühlswelt auch den Kontakt mit dem Baby: Über emotionale Resonanz kann eine Verbindung zu ihm hergestellt werden, denn das ist der Wahrnehmungskanal, für den das Baby - so klein wie es ist - empfänglich ist. Es sucht nämlich Menschen, die ihm gefühlsmäßig 'antworten', die fühlen, was es braucht und Wege suchen, die Bedürfnisse zu befriedigen. Die dafür erforderliche Kommunikation spielt sich im Wesentlichen über emotionale Kanäle ab. Sie steht und fällt mit der Fähigkeit, sich in die Welt des Babys hinein zu versetzen. Gelingt das, dann gibt das dem Neugeborenen ein Gefühl der Sicherheit und macht ihm den Start ins Leben ein ganzes Stück leichter.